Weihnachten in der DDR

Tannenzweig mit Weihnachtskugeln
Wie feierte man Weihnachten in der DDR? / Foto © FrankU

Ich musste leise in mich hineingrinsen: Was würde das wohl heute werden? Vor drei Tagen hatte ich mit Thomas zusammen 12 Kilo Mehl gesiebt. Wir wollten uns noch einmal an unsere Kindertage erinnern und hatten Freunde zum großen Stollenbacken gerufen.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Großmutter hatte den Stollenteig geknetet und danach hatten wir die große Schüssel mit Teig auf dem Schlitten zum Bäcker des kleinen Dorfes gefahren, um ihn dort backen zu lassen. Das Schönste war, dass auf dem Marktplatz eine wunderbare geschmückte Tanne stand. Sie leuchtete in der Dunkelheit und hatte herrlich rote Kugeln. Es musste so sein, der Weihnachtsmann würde bald kommen. (Sehr beliebt war auch der Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge)

Mittlerweile waren alle Freunde eingetroffen. Erst einmal gab es Glühwein, schließlich musste man sich ja für das Backen stärken. Annette fragte: "Hast du denn alle Zutaten bekommen?" "Ja" antwortete ich, "es war geradezu langweilig, ein großer Discounter - und du bekommst einfach alles!" Thomas begoss gerade 2,5 Kilo Rosinen mit Rum und meinte: "Alles kriegste nicht, oder gab es etwa die wunderbaren grünen kubanischen Orangen? Übrigens, Prost Genossen, wo ich gerade den Rum in der Hand habe!" Wir lachten: "Nee, die gab`s nicht! Es gab Orangen in allen Varianten, und ich musste auch nicht anstehen!" "Mein Gott, wie langweilig," fügte Claus hinzu, "man hat ja nichts, was man von Berlin mit in die Republik nehmen kann, Bananen gibts ja auch überall." Marlis sah uns verwundert an: "Was denn für grüne Orangen?" "Ach ja, Marlis unser Quotenwessi, also pass auf, wir wollen dir mal erzählen, wie es Weihnachten so war", sagte Thomas, sah sie an und musste lachen: Sie waren seit drei Jahren befreundet, und doch gab es vieles, was sie nicht voneinander wussten.

So feierte man Weihnachten in der DDR

"Also Weihnachten in der DDR sind erstmal kubanische Orangen mit vielen Kernen," begann Thomas, "aber immerhin Orangen. Sie läuten die Weihnachtszeit ein." Bald nach den Orangen würde es auch Bananen geben. Man musste sich mit dem Gemüsehändler gut stellen, dann konnte man die ganze Familie versorgen. Vor allem wenn man in Berlin wohnte, hatte man die Pflicht (oder die Last), die Verwandtschaft in der restlichen Republik mit Südfrüchten zu versorgen (dort kamen sie nicht immer an).

Weihnachtsgeschenke besorgen

Das Wichtigste war, Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Nie wusste man, was man wohl bekommen würde. Nach Weihnachten wurden erst einmal die meisten Geschenke umgetauscht oder als wirkliches Tauschobjekt für das gewünschte Objekt, wie Bohrmaschine oder Gefrierschrank eingesetzt. Wichtig war auch, genügend Rotkäppchensekt bereits zu Weihnachten im Haus zu haben, denn bis Silvester konnte man die Bestände nicht auffüllen. Wer es sich leisten konnte, kaufte zu Weihnachten auch Westschokolade oder den teuren, guten Alkohol im Delikat, dem Lebensmittel-Exquisit oder vielleicht hatte man noch ein paar Forumschecks, um im Intershop etwas Gutes zu erwerben.

Weihnachtstraditionen in der DDR

Dann der 24. Dezember. Der Weihnachtsbaum musste geschmückt werden. Das war meist eine Herausforderung, besonders was Lametta anbetraf. Lametta war Mangelware. Also machte man sich daran, die Lamettavorräte aus dem Vorjahr liebevoll zu entwirren und an den neuen Baum zu hängen. War das geschafft, war Weihnachten! Auch der Schwibbogen aus dem Erzgebirge und die Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge gehörte zu Weihnachten dazu. Viele von uns freuten sich auf das Krippenspiel in der Kirche. Ja, auch DDR-Bürger gingen Weihnachten in die Kirche. Abends gab es dann meist Kartoffelsalat und Würstchen. Und am ersten Weihnachtsfeiertag gab es Gans mit Rotkohl und Thüringer Klößen (wenn man sie zubereiten konnte). Dazu passend die Kultsendung im DDR-Fernsehen mit Heinz Quermann und Margot Ebert "Zwischen Frühstück und Gänsebraten". Die Kinder warteten schon auf den obligatorischen Märchenfilm mit Väterchen Frost und der Hexe Babajaga oder auf "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" oder auf Pierre Brice als Winnetou.

Am zweiten Feiertag war die Ente dran. Alles in allem war Weihnachten ein ausgiebiges Familien- und wahres Fressfest. Also verhungert ist wirklich keiner. "Es waren immer schöne Tage," sagte Thomas, "und eines hatten wir, was es seit dem Mauerfall nicht mehr gibt - wir hatten ein wirklich ruhiges Fest, weil keiner um seinen Arbeitsplatz Angst haben musste." "So Kinder," rief Annette, "jetzt müssen wir aber mit den Zutaten für den Stollen anfangen, sonst wird es heute nichts mehr und Weihnachten fällt aus!"
Text: D. S. / Stand: 18.05.2017